Chronik 1951-1980
Chronik der Stadt Vianden 1951 - 1980
Band 4
von Ernest Theis
283 Seiten
108 Fotos
22,5 x 15,5 cm
zum Preis von 20,70 Euro plus Versand
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1954
Abbruch von Pfarrwohnung, Schule und Kiosk om Mäsgord
Im Januar 1954 begann die große Umgestaltung des historischen Geländes rund um die Pfarrkirche. Hier ist der viel strapazierte Ausdruck historisch wahrhaftig angebracht. Das was vorher im Laufe von 170 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes verbrochen wurde durch öffentlichen Verkauf, Aufteilung, Abbruch, Veränderungen, sollte zu einem großen Teil wieder hergestellt werden. In Planung war der Bau eines Altersheimes, in dessen Verlauf die Wiederherstellung des Kreuzganges dazu kam, während die Errichtung des neuen Pfarrhauses schon begonnen hatte und im Verlauf des Jahres 1956 bezugsfertig dastand. Es sei vorweggenommen und betont, dass die Verwirklichung dieses Werkes in seiner Gesamtheit als gelungen angesehen wurde und noch immer wird, und bis heute unverändert fortbesteht. (Allerdings gab es vor einigen Jahren in unvernünftiger Art und Weise Bestrebungen seitens der Gemeinde, an die Zerstörungen christlichen Gutes während der Französischen Revolution erinnernd, diese Zeugen der Vergangenheit zum Teil wieder zu beseitigen und Neues an dessen Stelle zu errichten.)
Die notwendige Vorarbeit war schon geleistet, dadurch dass die neue Primärschule ’op der Bräschour’ fertig war, wodurch das alte Gebäude ’om Mäsgord’ ausgedient hatte. Es hat immer etwas Wehmütiges an sich, wenn Bestehendes, an dem Erinnerungen hängen, von der Bildfläche verschwindet, doch der Bau aus dem Jahre 1860 musste weichen, um dem Fortschritt Platz zu machen. Damals zugleich als Stadthaus und als Mädchenschule errichtet, waren hier nach dem Krieg alle Schulklassen in nur drei Sälen untergebracht, während sich im zweiten Stockwerk eine Wohnung befand (zuletzt an Staats- und Gemeindeeinnehmer Jos. Schroeder vermietet).
Doch noch etwas wurde abgetragen, ein Gebilde, das kulturellen Zwecken gedient hatte: der dachlose, achteckige Kiosk, 1912 erbaut, stets Wind und Regen ausgesetzt. Dieser stand auf dem Schulhof, in der Mitte der heutigen Place de la résistance.
Wiederherstellung des Trinitarierkreuzganges
Wieviel Klosterkreuzgänge es in unserem Land gibt, sei dahingestellt. Jedenfalls gibt es seit 1954 wieder einen mehr als zuvor, und es dürfte mit der Zeit der bekannteste geworden sein: der gotische Viandener Kreuzgang des ehemaligen Trinitarierklosters. Als das Kloster 1783 durch Kaiser Joseph II. aufgehoben wurde, verschwand dieses kunsthistorische Bauwerk nach und nach, und geriet in Vergessenheit. Teile davon waren noch vorhanden und überstanden die Zeit, aber sozusagen unsichtbar, als Außenmauern des an die Kirche angebauten Pfarrhauses. Als nun der Abbruch dieser wenig komfortablen Wohnung begann, kamen die gotischen Spitzbogenarkaden wieder zum Vorschein. Architekt Pierre Grach geriet sofort in Begeisterung und Bürgermeister Victor Abens ließ sich prompt davon anstecken. Als Abgeordneter fand er höheren Orts bis hin in Regierungskreise ein offenes Ohr mit seinem Wunsch, den Kreuzgang wieder herzustellen, vor allem bei Minister Joseph Bech. Hätte es damals in Ministerien und den zuständigen Behörden das gleiche Wirrwarrspiel wie in heutiger Zeit gegeben, nichts wäre aus der Wiederauferstehung des mittelalterlichen Kreuzganges geworden. Damals aber wurden sogleich Nägel mit Köpfen gemacht, denn der Bau des Altersheimes ließ kaum zeitlichen Spielraum. Das Zusammenspiel der Verantwortlichen gedieh, und schon drei Monate später standen die Dreifachbögen im Geviert vollendet da, wobei neue Hausteine die noch vorhandenen ergänzten. Wie beim Schulneubau wurde Pierre Grach diese Leistung von den Einheimischen hoch angerechnet, immerhin gilt der Kreuzgang sozusagen als die gute Stube mittelalterlicher Architektur in Vianden.
1955
Strauß-Feier und Grundsteinlegung des Altersheimes
Hatte man vielleicht vergessen, den Grundstein des Viandener Altersheimes bei Baubeginn im Juni 1954 zu legen? Jedenfalls wurde diese Zeremonie doch noch in Szene gesetzt, und zwar bei der Straußfeier dieses Bauwerkes, die am 16. April 1955 stattfand. (Wenn heute nicht mehr gewusst sein sollte, was eine Straußfeier ist: Sobald ein Haus oder Gebäude im Rohbau fertig ist, wird ein mit Papierblumen behangener kleiner Tannenbaum auf einer Giebelspitze angebracht; zu Lasten des Unternehmers wird dann das Ereignis von der Belegschaft – Maurer, Handlanger, Lastwagenfahrer - begossen und genossen.)
An diesem Nachmittag hatte sich eine Reihe Persönlichkeiten in Vianden eingefunden, ob für Straußfeier oder Grundsteinlegung sei dahingestellt, waren doch für Finanzierung, Planen und Ausführung einer solchen Anlage mehrere Verwaltungen bis hin zur Regierung verantwortlich. Bürgermeister Victor Abens hieß alle Gäste willkommen, wobei seine Ansprache in einer Anekdote gipfelte, die noch jahrelang kolportiert wurde: Als Minister Joseph Bech sich die Freilegung der Kreuzgangreste ansah, um seine Zustimmung zur Wiederherstellung zu geben, habe dieser lächelnd bemerkt, es erinnere ihn an den Studenten, der seiner Mutter einen Knopf nach Hause schickte mit der Bitte, einen Anzug daran zu nähen.
Nach der kirchlichen Einsegnung durch Dechant Thédore Lesch schritt Sozialminister Nic. Biever zur Grundsteinlegung, die Einmauerung einer Pergamentrolle, gemeinsam mit Unternehmer Leo Agnes, der die Kelle handhabte.
Ein zünftiger Empfang im Stadthaus beschloss den offiziellen Verlauf der Feier, um anschließend dem Galadiner im Hotel Heintz einerseits und der wirklichen Straußfeier der Belegschaft andererseits grünes Licht zu geben.
1962
Das Pfadfindertum in Vianden
Die Viandener Scouttruppe Yolanda bestand bereits vor dem 2. Weltkrieg, und erlebte ihre Neugründung im Januar 1948, mit Bernard Bergh als Präsident. Mitte der 50er Jahre wurde es still um den Verein, bis er schließlich zu bestehen aufhörte.
Im Januar 1962 kam es noch einmal zu einer Renaissance, als eine Sektion der Fédération nationale des éclaireurs luxembourgeois (FNEL) errichtet wurde, die eher weltlich ausgerichtet war im Vergleich zu der vorgenannten, die dem kirchlich ausgerichteten Verband ’Lëtzebuerger Scouten’ angegliedert war. Präsident des neuen Vereins war Albert Kass, während Raymond Baus als Sekretär amtierte. Mitte der 1980er Jahre stellte diese Jugendgruppe ihre Tätigkeit ein
Notlandung auf Hausdach
Nicht schlecht staunten die Passanten und herbeigeeilten Schaulustigen, als am 14. Oktober 1962 ein Personenwagen, ein VW-Käfer, auf dem Dachgeschoss eines Wochenendhauses zu sehen war. Ein junger Einwohner aus Vianden, Th. Oswald, aus Richtung Nikolausberg herankommend, hatte die Kreuzung ’op der Plank’ übersehen oder auch unterschätzt, kam dadurch von der Straße ab und flog regelrecht durch die Luft auf ein tiefer liegendes, zum Glück noch nicht bezugsfertiges Haus ’an der Këntzebaach’. Wie auf dem Bild ersichtlich, muss das Fahrzeug sich vor der Niederkunft gedreht haben, um mit dem Hinterteil durch das Dach auf den Speicher hinein zu sausen. Zum Glück blieb der junge Münchhausen unverletzt, hatte er doch sein Flugobjekt zielsicher am Kamin vorbei gesteuert.




